Was Seiten und Ohren mit Missverständnissen zu tun haben

Artikel überarbeitet: 12.12.16

Haben Sie sich schon mal mit Ihrer Frau gestritten und gar nicht verstanden, wie der Streit eigentlich anfing? Hatten Sie schon einmal das Gefühl, dass Sie und Ihr Chef völlig aneinander vorbeireden? Haben Sie schon einmal völlig überraschend beleidigte Reaktionen auf eine Aussage erhalten? Möglicherweise ist Ihnen Folgendes passiert.

Schauen wir uns das Ganze am besten gleich mit einem Beispiel an. Stellen wir uns zwei Freunde vor, Hans und Erich. Hans schaut an einem Sonntag bei Erich auf einen Spontanbesuch vorbei. Die beiden trinken einen Kaffee, spielen eine Runde Tischtennis und plötzlich sagt Erich zu Hans: “Ich muss morgen diesen Marketingbericht abgeben.” Hans sagt daraufhin zu Erich: “Schon gut, ich geh ja schon!” Und beide bleiben irgendwie mit einem unguten Gefühl zurück. Was ist passiert? Erich hatte gehofft, durch seine Aussage Unterstützung von seinem Freund zu bekommen. Hans hingegen hatte die Aussage als Bitte zu gehen interpretiert.

Wie Missverständnisse entstehen

 

 

Schulz von Thun geht in seinem Modell “Vier Seiten einer Nachricht” davon aus, dass eine Botschaft immer auf vier Ebenen kommuniziert wird, wobei meist eine im Vordergrund steht:

Sachinhalt: Das, worüber informiert wird.

Unser Beispiel: Die Deadline für den Bericht ist morgen.

Selbstoffenbarung: Was der/SprecherIn über sich selbst preisgibt.

Unser Beispiel: Erich muss eine Arbeit fertig stellen, kann sich aber nicht dazu aufraffen und braucht Unterstützung, um mit der Arbeit zu beginnen.

Beziehung: Was der/die SprecherIn von dem/der GesprächspartnerIn hält und wie er/sie die Beziehung sieht. Diese Ebene wird oft auch nonverbal, z.B. durch ein Lächeln oder das Hochziehen der Augenbraue, vermittelt.

Unser Beispiel: Erich hat in der Vergangenheit die Erfahrung gemacht, dass Hans ihn gut motivieren kann. Er hat das Gefühl, ihn um so etwas bitten zu können, da sie gute Freunde sind.

Appell: Wozu der/die SprecherIn den/die GesprächspartnerIn veranlassen will.

Unser Beispiel: Erich möchte, dass Hans ihn motiviert und unterstützt.

4 Seiten einer Nachricht - Schulz von ThunQuelle: Schulz von Thun, Miteinander reden 1, S. 33

Der vierohrige Empfänger

Auf der anderen Seite steht der/die EmpfängerIn, welche/r die Nachricht wiederum auf diesen vier Ebenen hören und interpretieren kann. Derjenige, der die Nachricht hört, kann im Prinzip frei entscheiden, auf welche der Seite der Nachricht er reagieren möchte. Genau das macht Kommunikation manchmal so komplex.

Der vierohrige Empfänger

Quelle: Schulz von Thun, Miteinander reden 1, S. 49

In unserem Beispiel kann Hans auf der Sachebene hören, dass sein Kumpel für morgen einen Bericht fertigstellen muss. Darin stimmen die beiden überein, wobei diese Ebene für beide nicht wesentlich ist. Die Selbstoffenbarungsebene interpretiert Hans jedoch völlig anders als von Erich gewollt. Er geht davon aus, dass Erich Ruhe braucht und ihn loswerden will. Auch die Beziehungs- und Appellebene kommen bei Hans anders an als gemeint. Dadurch passiert genau das Gegenteil von dem, was sich Erich gewünscht hatte: anstatt Aufmerksamkeit und Unterstützung zu erhalten, lässt ihn Hans alleine.

Missverständnisse durch Fokus auf verschiedene Ebenen

Selbst, wenn sich Sender und Empfänger über die Botschaften auf den vier Ebenen einig sind, können Missverständnisse auftreten.

Wie bereits angesprochen, steht bei einer Nachricht meist eine Seite im Vordergrund. Wenn diese beim Sender und Empfänger nicht übereinstimmt, kommt es auch oft zu Konflikten.

Beispielsweise sagt eine Frau zu ihrem Mann (der am nächsten Tag für den Einkauf zuständig ist): “Wir haben keine Milch mehr.” Das kann als reine Sachaussage gemeint sein. Es kann sein, dass die Frau etwas über sich aussagen möchte, zum Beispiel, dass sie aufmerksam ist oder dass sie gerne Milch zum Frühstück hätte. Auch die Appellebene kann im Vordergrund stehen: “Bitte kauf Milch!” Oder auch die Beziehungsebene: “Ich halte dich für nicht aufmerksam oder unfähig, die Einkäufe ohne meine Hilfe zu tätigen.”

Wenn die Frau in unserem Beispiel kommunizieren wollte, dass sie aufmerksam (=Selbstaussage) und beim Mann ankommt, dass sie ihn für unfähig hält, dann haben sie ein Kommunikationsproblem.

Einseitig zuhören ist problematisch

Oftmals ist dem/der EmpfängerIn gar nicht bewusst, dass es unterschiedliche Interpretationsmöglichkeiten für ein und dieselbe Nachricht gibt. Wenn jemand etwas auf der Sachebene kommunizieren will und der/die andere lediglich auf die Beziehungsebene reagiert, sind Kommunikationsschwierigkeiten vorprogrammiert. Manche Personen hören überwiegend mit einem Ohr zu – unabhängig von der Situation, in der sie sich befinden.

Manchmal drehen sich GesprächspartnerInnen auch im Kreis, weil sie darauf bestehen, sachlich zu bleiben, während es eigentlich um Beziehungsthemen geht. Da jedoch nicht über das gesprochen wird, um das es wirklich geht, finden sich keine Lösungen.

Wie Ihnen das Selbstoffenbarungsohr hilft, sich nicht angegriffen zu fühlen

Anstatt alles auf der Beziehungsebene zu verstehen, kann es in vielen Situationen helfen, den Fokus auf die Selbstoffenbarung zu legen. Wenn Sie Ihr Chef anfaucht und Ihnen an den Kopf wirft, Ihr Bericht bestehe nur aus Fehlern und Sie bringen nichts zustande, ist das keine konstruktive Kritik. Wenn Sie es schaffen, sich nicht persönlich angegriffen zu fühlen, sondern auf der Selbstoffenbarungsebene zu verstehen, dass Ihr Chef gerade eine persönliche Krise hat und ihm alles zu viel ist, geht es Ihnen besser. Außerdem schaffen Sie es so leichter, zuzuhören und Lösungen für die Situation zu finden.

Doch auch hier gilt: alles nur noch mit dem “Selbstoffenbarungsohr” zu hören, ist kontraproduktiv. Wenn Sie keine Balance zwischen den verschiedenen Ebenen schaffen, kommt es zum so genannten psychologisieren. Ihr Gegenüber hat dann den Eindruck analysiert zu werden und fühlt sich in keinster Weise ernst genommen.

Wie können Sie Missverständnisse vermeiden?

  • Machen Sie sich klar, was Sie mit Ihrer Aussage erreichen wollen und kommunizieren Sie das
    Während ich an diesem Artikel gearbeitet habe, hat mich eine Kollegin angerufen und hat gesagt: “Ich brauche, dass du mir sagst, dass mein Artikel gut genug ist, wie er ist, damit ich mich endlich traue, abzugeben.” Sie hat nicht gefragt, was ich von ihrer Arbeit halte, sondern hat klar gesagt, was sie sich von mir wünscht. Hätte sie mich um Feedback gebeten, hätte ich ihr vielleicht noch ein paar Verbesserungsvorschläge gegeben und sie wäre frustriert gewesen, da sie eigentlich nur hören wollte, dass der Artikel in Ordnung ist. Und mich hätte es vermutlich frustriert, da sie mein Feedback nicht sehr dankbar entgegengenommen hätte. Durch ihre direkte Art hat sie uns das erspart.
  • Bevor Sie in kritischen Situationen sofort einen Gegenangriff starten, fragen Sie nach, wie die Aussage Ihres Gegenübers eigentlich gemeint war.
    Wenn Ihr Partner oder Ihre Partnerin sie bei der nächsten Autofahrt darauf hinweist, dass es eine Geschwindigkeitsbegrenzung gibt, interpretieren Sie dies nicht sofort als Attacke auf Ihren Fahrstil. Möglicherweise ist es nur eine Feststellung oder die Bitte langsamer zu fahren, um die Landschaft in Ruhe zu betrachten.
  • Schaffen Sie ein Bewusstsein darüber, wie Sie auf verschiedene Nachrichten von verschiedenen Personen reagieren.
    Sie reagieren vermutlich je nach Situation anders. Bei Ihrer Vorgesetzten interpretieren Sie womöglich Aussagen eher auf der Sachebene und bei Ihren Eltern eher auf der Beziehungsebene. Beobachten Sie sich die nächsten Tage ein bisschen selbst. Gibt es Personen, denen Sie eher einseitig zuhören? Wenn wir einseitig hören, hören wir nicht richtig zu und fassen vieles als Kritik gegen uns auf. Das ist einerseits wahrscheinlich gar nicht die Wahrheit und andererseits nicht hilfreich für uns. Versuchen Sie also, da eine Balance zu schaffen.

Was halten Sie von diesem Modell? Was hilft Ihrer Meinung dabei, Missverständnisse zu vermeiden bzw. aufzuklären?

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