Wege durch die Krise: Erste Hilfe bei Beziehungsproblemen

Die meisten Menschen starten in eine Beziehung mit der sogenannten “rosaroten” Brille. Alles ist neu, aufregend und fantastisch. Die tollen Eigenschaften des anderen werden gefeiert und das Verhalten, das ihnen vielleicht nicht so gut gefällt, wird beschönigt bzw. als unwichtig abgetan. Jede Beziehung, die sich weiterentwickelt und tiefer wird, trifft jedoch irgendwann auf Krisen, die sie durchstehen muss, um die Beziehung zu erhalten. Wie es ein Mediand von mir einmal formuliert hat: Sie müssen durch einen dunklen Tunnel. Das ist nicht einfach. Am liebsten würden Sie wieder zurück in das Altbekannte, aber da sich schon zu viel geändert hat, ist das nicht möglich.  Sie gehen einen Schritt vor und einen Schritt zurück. Sie stecken im Tunnel fest. Kein Ende in Sicht. Doch ich kann Ihnen sagen, es lohnt sich, das Vergangene zurückzulassen und den Tunnel zu durchqueren! Damit Sie die ersten Schritte Richtung Tunnelausgang gehen können, möchte ich Ihnen ein paar Wege durch die Krise vorstellen, die erste Hilfe leisten können und Entspannung in die Beziehung bringen.

Time-out: Nehmen Sie sich Zeit für sich

ZuhörenEiner der wichtigsten Wege durch die Krise führt als erstes zu Ihnen. Wenn Sie in einer Beziehungskrise stecken, geht es Ihnen vermutlich nicht gut. Wenn wir traurig, verzweifelt oder wütend sind, bekommen wir einen Tunnelblick und werden sehr unkreativ. In diesem Zustand finden sich keine guten Lösungen. Kümmern Sie sich also erstmal gut um Sie selbst. Treffen Sie sich mit FreundInnen, gehen Sie einem Hobby nach und füllen Sie Ihre Energiereserven auf. Seien Sie nett zu sich selber. Versuchen Sie sich das zu geben, was Ihnen im Moment von Ihrem Partner/Ihrer PartnerIn fehlt. Machen Sie sich selber glücklich! Diese Strategie ist vermutlich anfangs eher ungewohnt, aber sie wirkt Wunder. Sie wünschen sich mehr Aufmerksamkeit? Dann schenken Sie sich diese selber, anstatt darauf zu warten, dass dies jemand anderer tut! Wenn Sie sich gut um sich selbst kümmern, entlasten Sie die Beziehung und werden die nächsten Tipps leichter umsetzen können.

Positive Emotionen: Sich in 60 Sekunden besser fühlen

Wie schon angesprochen, lassen sich keine guten Lösungen treffen, wenn wir uns nicht gut fühlen. Versuchen Sie daher bewusst, positive Emotionen zu erzeugen. Gehen Sie ins Kabarett, schauen Sie ein lustiges Video oder lesen Sie ein paar Witze.

Meine Lieblingsstrategie, da Sie sehr effektiv ist: Lächeln Sie 60 Sekunden lang! Mir ist klar, dass Ihnen vermutlich nicht nach Lächeln zumute ist. Tun Sie es trotzdem bzw. gerade deswegen. Dadurch tricksen Sie nämlich Ihr Gehirn aus. Wenn Sie lächeln (auch wenn es gekünstelt ist), geht das Gehirn davon aus, dass Sie glücklich sind und schüttet “Glückshormone” aus. Diese wirken dann als Gegenspieler zu den vorhandenen Stresshormonen und führen dazu, dass Sie sich entspannen und wieder klar denken können.

Hören Sie zu

In einer Krise wird oft hinter jedem Kommentar ein Angriff gewittert. Der/die andere hat noch nicht einmal den Satz fertiggesprochen, da wird schon innerlich die Antwort bzw. der Gegenangriff vorbereitet. Dadurch gehen Ihnen möglicherweise wichtige Informationen verloren und Sie interpretieren eine Aussage völlig anders als gemeint. Das führt zu unnötigen Missverständnissen.

Hier ist Beispiel (auf Englisch), wie unsere Gedanken unser Leben beeinflussen und welche Folgen Interpretationen haben können.

Falls Sie selber mal ein Worksheet ausfüllen wollen: das Worksheet von Byron Katie gibt es hier.

Einer der Wege durch die Krise ist also zu hören, was Ihr(e) PartnerIn tatsächlich sagt und nicht das, was Sie daraus machen.

Verzichten Sie 3 Tage auf Kritik

Damit meine ich nicht, dass Sie Ihre(n) PartnerIn anlügen oder alles runterschlucken sollen. Achten Sie jedoch darauf, was Sie wie sagen. Oft schleicht sich in Krisen eine ständige Nörgelei ein, die wie Gift wirkt. Es macht nunmal einen Unterschied, ob Ihnen jemand sagt “Nie hilfst du mir! Ich bin dir völlig egal!” oder “Ich brauche Unterstützung bei der Reisevorbereitungen. Könntest du bitte bis Donnerstag das Hotel reservieren?”

Schreiben Sie auf, welche gute Eigenschaften Ihr(e) PartnerIn hat und wofür Sie ihm/ihr dankbar sind

Auch wenn es vielleicht gerade nicht sehen können: Es hat einen Grund, dass Sie sich für diese(n) PartnerIn entschieden haben. Erinnern Sie sich zurück, wie es war, als Sie sich kennengelernt haben. An die schönen, gemeinsamen Momente. An die Momente, in denen Sie zusammen gelacht und sich gut verstanden haben.

Ihre Wahrnehmung ist selektiv. Sie erhalten so täglich so viele Informationen, dass Sie aussortieren und auswählen müssen, was Sie bewusst wahrnehmen. Wenn Sie denken, dass Ihr(e) PartnerIn aufmerksam ist, nehmen Sie die Momente wahr, in denen er/sie Ihnen Aufmerksamkeit schenkt. Wenn in Ihrem Kopf jedoch der Gedanke festsitzt, Ihr(e) PartnerIn sei egoistisch, dann sucht Ihr Gehirn gezielt nach Beweisen für diese Hypothese. Sie nehmen dann nur das wahr, was Sie als egoistisches Verhalten empfinden. Dass Ihr(e) PartnerIn einen wichtigen Termin verschoben hat, um auf das kranke Kind zu schauen oder abends das Fernsehprogramm eingeschaltet hat, das Ihnen gefällt, geht dabei völlig unter. Schade eigentlich. Denn das wären die schöneren Erinnerungen für Sie beide.

Nehmen Sie die graue Brille ab und programmieren Sie Ihr Gehirn darauf, auch das Positive zu sehen: Was schätzen Sie an Ihrem Partner/Ihrer Partnerin? Was macht sie/ihn besonders? Was haben Sie bereits gemeinsam geschafft und erlebt? Worin hat Sie Ihr(e) PartnerIn unterstützt? In welchen Situationen hat Sie Ihr(e) PartnerIn verstanden? Was waren besondere Momente in Ihrer Beziehung? Wofür sind Sie ihm/ihr dankbar?

Bleiben Sie dran, auch wenn Ihnen anfangs nichts einfällt. Dies ist nur ein Zeichen dafür, dass Sie schon zu sehr auf das Negative fokussieren. Alles und jeder hat positive Seiten. Lassen Sie sich also genug Zeit, diese positiven Seiten neu zu entdecken.

Sammeln Sie so viel Positives wie möglich. Dadurch werden Sie sich besser fühlen und es wird sich positiv auf Ihre Beziehung auswirken. Wenn Sie diesen Effekt noch deutlich steigern wollen, lesen Sie ihrem Partner/ihrer Partnerin vor, was Sie sich aufgeschrieben haben! Dadurch können Sie die Dynamik zwischen Ihnen beiden deutlich ändern!

Verabschieden Sie sich von Märchenvorstellungen

Kein Mann und keine Frau wird die Lösung all Ihrer Probleme sein! Auch wenn irgendwelche Hollywoodfilme und Liebesromane Ihnen vielleicht das Gegenteil erzählen: Es ist nicht so, dass, wenn man “den/die Richtige(n)” trifft, alles von selbst läuft. Dass man sich immer versteht, weil man seelenverwandt ist und immer genug Energie für Romantik hat. Dort wo in Liebesfilmen das Happy End ist, fängt im wahren Leben die Beziehung erst richtig an.

Auch Vergleiche mit den Nachbarn oder den Facebookposts von Freunden können Sie sich sparen. Ihr(e) PartnerIn bringt Ihnen vielleicht nicht einmal in der Woche Blumen oder hat ein Problem damit, dass Sie das ganze Wochenende lieber mit Ihren FreundInnen verbringen. Dafür repariert er oder sie Ihr Auto oder erträgt Ihre Familie mit unerschöpflicher Geduld. Richten Sie Ihren Blick auf das, was Sie haben!

Reden Sie mit Personen, die Ihre Beziehung unterstützen

Suchen Sie sich Personen, die Ihrer Beziehung positiv gegenüberstehen und Ihnen ehrliches Feedback geben. Bei Streit mit dem/der PartnerIn Recht zu kriegen, fühlt sich im ersten Moment gut und unterstützend an. Auf längere Sicht bringt es Ihnen jedoch mehr, wenn Ihnen jemand hilft, die Situation zu analysieren und auch Ihre(n) PartnerIn besser zu verstehen. Der/die FreundIn, die Ihre(n) PartnerIn noch nie mochte, ist in Krisen kein guter Ratgeber/keine gute Ratgeberin.

Verabreden Sie sich mit Ihrer Parnterin bzw. Ihrem Partner

Erste Hilfe bei BeziehungsproblemenDie Beziehung zu dem/der PartnerIn ist oft das Erste, was zu kurz kommt, wenn es stressig ist. Nicht, weil sie uns nicht wichtig wäre, sondern weil wir davon ausgehen, dass sie das aushält. Der/die PartnerIn wird es verschmerzen können, dass Sie einmal nicht zum Abendessen nach Hause kommen und stattdessen noch diesen wichtigen Bericht fertigmachen. Wenn dies jedoch zum Normalzustand wird und Sie zwischen Kindern, Arbeit und Haushalt kaum noch zwei Worte wechseln, ist es höchste Zeit, etwas zu ändern. Am besten Sie planen fixe Zeiten zu zweit ein, sodass Sie nicht lange überlegen müssen. Mein Partner und ich haben zum Beispiel seit acht Jahren einen fixen Abend in der Woche für uns reserviert. Das wissen auch Familie und Freunde und überraschen uns nicht an diesem Abend mit einem Spontanbesuch. Die Energie von diesem Abend trägt uns durch die ganze Woche. Wenn man weiß, dass es fixe Zeiten gibt, in denen man Zeit füreinander hat, ist es auch leichter zu handhaben, wenn es in der restlichen Zeit mal stressiger zugeht.

Machen Sie den ersten Schritt und konzentrieren Sie sich auf die Zukunft

Wege durch die Krise (2)Wenn Ihnen die Beziehung wichtig ist, verabschieden Sie sich von Ihrem Stolz und von Machtspielchen. Falls es Ihnen darum geht, Recht zu haben: Natürlich haben Sie das! Genau wie Ihr(e) PartnerIn! Das bringt sie also nicht weiter. Im Detail auseinanderzunehmen, wer in welchem Streit wem was an den Kopf geworfen hat, ist sinnlos. Sie werden beide bestimmte Situationen anders erlebt haben und Anschuldigungen führen nur zu Verteidigung und noch mehr Anschuldigungen. Sie können nicht mehr ändern, was bereits passiert ist.

Anstatt sich gegenseitig die Schuld für die Vergangenheit zuzuschieben, überlegen Sie sich, was Sie beide heute brauchen, um sich in der Gegenwart wohl zu fühlen und den Blick in die Zukunft richten zu können.

Wege durch die Krise: Überhaupt sinnvoll oder doch lieber trennen?

TrennungDiese Frage lässt sich nicht so einfach beantworten. Es gibt aus meiner Sicht wenig eindeutige Gründe, die für eine Trennung sprechen. Wenn ein(e) PartnerIn Kinder möchte und der/die andere nicht, ist das ein gravierender und unvereinbarer Unterschied. Die Gefahr ist gegeben, dass Sie sich bei Zusammenbleiben mit der Zeit gegenseitig Vorwürfe machen, da Sie dem/der PartnerIn zuliebe, Ihren Lebensentwurf geändert haben.

In den meisten Fällen liegen die Gründe für Beziehungskrisen jedoch nicht in unüberwindbaren Wünschen und Ansichten. Oft sind es Kommunikationsschwierigkeiten und diese lassen sich beheben. Auch Konflikte haben Vorteile. Sie sorgen dafür, dass wir uns weiterentwickeln. Die meisten Paare sind nach überstandenen Beziehungskrisen glücklicher als vorher, da sie sich besser verstehen, mehr darüber gelernt haben, wie sie als Paar funktionieren und sich auch persönlich weiterentwickelt haben.

Mir hat einmal jemand gesagt, als ich vor so einer Entscheidung stand: “Ich kann dir nicht sagen, was du tun sollst. Ich kann dir nur sagen, dass du dich auch in eine neue Beziehung mitnimmst.” Einer der besten Ratschläge, die mir je jemand gegeben hat. Unseren Anteil der Beziehungskrise nehmen wir im Falle einer Trennung auch in die neue Beziehung mit. Am Anfang merken wir das vielleicht nicht, weil wir wieder alles mit der rosaroten Brille sehen, aber mit der Zeit wird sich das gleiche Muster bemerkbar machen, wenn wir es nicht in der Zwischenzeit bearbeitet haben.

Sie können sich also entscheiden, ob Sie Ihre Probleme gemeinsam in der Partnerschaft bearbeiten wollen und gestärkt aus der Krise hervorgehen oder ob Sie es alleine bzw. in einer neuen Beziehung tun. Natürlich haben Sie auch die Möglichkeit, völlig zu ignorieren, dass es auch bei Ihnen ein Entwicklungspotential gibt und sich alle zwei Jahre, wenn es schwierig wird, eine(n) neue(n) PartnerIn suchen.

Sobald jedoch Kinder im Spiel sind, müssen Sie auch nach einer Trennung noch mit dem/der anderen reden. Da lohnt es sich, dies möglichst frühzeitig zu lernen!

Holen Sie sich professionelle Unterstützung

Wenn Sie so verletzt sind, dass Sie es nicht schaffen, einander richtig zuzuhören und sich gegenseitig zu verstehen, suchen Sie sich jemanden, der es kann!

Ein(e) MediatorIn/PaartherapeutIn/Paarcoach ist in der Lage, Ihnen beiden gleichermaßen Empathie und Verständnis entgegenzubringen, da er oder sie nicht in Ihrer Krise drinsteckt. Dadurch erhalten Sie beide das, was Sie sich gerade nicht gegenseitig geben können. Das führt dazu, dass Sie Verletzungen und Enttäuschungen verarbeiten können und wieder richtig miteinander reden können. Durch die externe Unterstützung erhalten Sie Entlastung und erlernen neue Kompetenzen, um auch zukünftige Probleme gut bewältigen zu können.

Sich in Beziehungskrisen jemandem anzuvertrauen und jemanden die Probleme sehen zu lassen, ist oft nicht einfach. Doch so wie Sie bei wochenlangem Husten zum Arzt gehen, sollten Sie auch bei Beziehungsproblemen nicht zu lange selber herumdoktern. Dafür ist Ihre Beziehung viel zu wichtig! Suchen Sie sich jemanden, dem Sie beide vertrauen und der Ihnen beiden sympathisch ist. Und ich kann Ihnen versichern: Ihre Probleme sind nicht neu. Der/die MediatorIn oder PaartherapeutIn hat schon andere Paare in ähnlichen Krisen erlebt. Und er oder sie hat auch erlebt, wie es ist, wenn diese Paare sich wieder richtig zuhören, Lösungen finden, sich wohl miteinander fühlen und glücklich sind! Ich kann Ihnen also nur empfehlen, es wenigstens mal zu versuchen!

 

Wie haben Sie bisher Krisen überstanden? Was glauben Sie, ist förderlich für eine Beziehung und was nicht? Ich freue mich auf Ihren Kommentar!

 

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